Warum Bergsteigen einfacher ist als Wandern mit Kindern

Kürzlich habe ich einen Vortrag der österreichischen Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner besucht. Sie erzählte, wie sie im siebten Versuch ihren 14 Achttausender, den K2, erklommen hatte. Als dreifacher Vater fand ich das interessant. Und mir wurde klar: Wandern mit Kindern ist nur wenig anspruchsvoller als Bergsteigen.

Der Vortrag beginnt wie immer mit eindrücklichen Bildern aus der Bergwelt. Und mit ein paar Worten zum Team: Dass ihre Mitkletterer und sie sich schon lange kennen und wie viel Vertrauen sie ineinander hätten. Das passt: Ich kenne mein Team – meine Frau, den Zehnjährigen, die Siebenjährige und den Dreijährigen – zum Teil schon seit über zehn Jahren – und zwar 24 Stunden pro Tag.

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Alles bereit zum Packen. Gerlindes Auslegeordnung ist nur etwas umfangreicher als die unserer Familie. Alle Bilder: Ralf Dujmovits

Dann zeigt Gerlinde die Vorbereitungsbilder: Ausgelegt im Keller liegen Schlafsack, Schuhe, Gamaschen, Jacken und Pickel und was es noch alles braucht. Genauso wie bei uns vor der Wanderung: Rucksacktrage, Wickelsack, Regenkleider, Znünibrote – alles ist durchdacht und bereit.

Dann die Anreise. Nein, wir brauchen keine Karawane mit zahlreichen Sherpas und über 30 Kamelen wie Gerlinde – auch wenn das auch mal ganz angenehm wäre. Das lärmige Familienabteil im Zug und die ersten Kindertränen spätestens im Postauto lassen uns rasch an die Höhe akklimatisieren, so dass wir gleich loslegen können, sobald wir am Start eintreffen.

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Die Karawane zieht dahin – ihr voraus Gerlinde Kaltenbrunner mit leichtem Gepäck. Ich stell mir vor: Ich voraus, hinter mir die Kinder in Einerkolonne.

Während sich Gerlinde Meter um Meter durch den Tiefschnee schleppt, dabei aber immer noch guten Mutes ist, kämpfen wir beim Aufstieg mit ersten Motivationsproblemen. Zum Glück liegen im Rucksack Gummibärchen bereit, die wir in Ritzen und Spalten im Fels verstecken, und wir schaffen Höhenmeter um Höhenmeter, wie die Bergsteiger, die unterdessen ihr erstes Biwak errichten und sich hinlegen können, ohne zuerst stundenlang „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen zu müssen.

Im Gestüpp oder unter Sternenhimmel?
Ausgeruht klettern Gerlinde und ihre Mitstreiter weiter, ab und zu müssen sie sich gegenseitig ermuntern, um nicht die Motivation zu verlieren, weil ihnen eine drohende Lawine den Weg versperrt oder der Wetterbericht nicht ganz hält, was er versprochen hat. Keiner trotzt und wirft sich zu Boden, nur weil er nach 20 Gummibärchen kein weiteres mehr erhält. Keiner biegt bei jeder Weggabelung ab auf den falschen Weg und behauptet steif und fest, dass er den richtigen Weg besser kenne.

Im Biwak auf 6800 Meter sei es saukalt, sagt Gerlinde und erklärt, wie sie dort als Frau nachts aus dem warmen Schlafsack nach draussen schlüpfen muss, um dort ihr Geschäft zu erledigen. Klar, ist das bei dieser Kälte kein Vergnügen. Aber wer schon mal mitten im Gestrüpp – auf dem halb gebrochenen Rücken die 20 Kilogramm der Rucksacktrage inklusiv Brüderchen – seine Tochter wenige Zentimeter über dem Boden gehalten und gewartet hat, bis sie ihr Geschäft endlich erledigt hat, empfindet die Ausführungen über den bezaubernden Nachthimmel im Himalaya von Gerlinde doch als sehr romantisch.

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Sie stapfen durch den Tiefschnee, haben alle das gleiche Ziel. Nicht so wie meine Familienmitglieder…

Zurück ins Basislager!
Am nächsten Tag müssen die Kletterer wieder beissen, und irgendwann hat der eine genug und sagt: „Gerlinde, ich kehr um.“ Selbige erklärt, wie sie diese Situation zuhause zig-mal durchdiskutiert haben und es in Ordnung ist, wenn einer nicht mehr kann, dass er geht, und wie schwierig dies aber dann am Berg zu akzeptieren sei. Meine Tochter sagt mir auf jeder Wanderung mehrmals, dass sie nicht mehr mag, und der Kleine hinten in der Trage spricht schon nach einer Stunde ständig von „Hei ga“ – wie gerne würde ich sie einfach alleine ins Basislager absteigen lassen!

Kurz vor Erreichen des Gipfels erzählt die Starkletterin, wie sie sich am Gipfel mehrmals verirren – doch gemeinsam schaffen sie es, schliesslich haben alle dasselbe Ziel. Klar motiviert die gemeinsame Glace im Bergrestaurant, doch ist deren Wirksamkeit manchmal doch recht durchzogen.

Tränen auf dem Gipfel
Dann, der Gipfel! Tränen fliessen, Gerlinde hat ihr Lebensziel erreicht und steht oben! Wow, sie lässt ihren Emotionen auf den Bildern freien Lauf. Auch bei uns fliessen Tränen, sind doch im Restaurant die seit Stunden versprochenen Schoggicornets ausgegangen. Auch die Kinder lassen ihren Emotionen freien Lauf.

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Oben ist sie! Tränen der Freude, auch ohne Glace. Bild: Maxut Zhumayev

Doch Gerlinde fokussiert sich rasch wieder, denn: „Eine Besteigung ist erst gelungen, wenn alle wieder heil unten sind.“ Wie wahr: Die Familienwanderung ist erst überstanden, wenn alle wieder im Postauto sitzen. Während sich die Kletterer konzentriert und kontrolliert den Berg hinunter beeilen, beginnt beim Wanderpapa die eigentliche Herausforderung: Der Kleine quengelt in der Trage, die Tochter liegt müde im Gras und möchte auch getragen werden, und der Älteste möchte endlich mal schnell vorwärts kommen. Und unten sehen wir schon das Postauto, das nur zweimal pro Tag fährt – wir werden es wohl verpassen.

Warum ich dies alles aber trotzdem immer wieder gerne tue, fragt ihr? Aus demselben Grund, warum Gerlinde all diese Strapazen auf sich nimmt: Weil es Spass macht.

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Gerlinde unterwegs und kurz vor dem Gipfel: Sie lacht. Auf der Familienwanderung ist mir kurz unter dem Gipfel das Lachen schon längst vergangen.

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