Abgründiges Jassen

Grossartiges sollte an diesem Tag geschehen, als wir ausgerüstet mit Zweitagesrucksack aufbrachen und die Jungfraubahn bei der Station Eigergletscher verliessen. Unser Vorhaben: Guggihütte, 2791 m.ü.M., unbewartet, Ausgangspunkt für über zehnstündige Hochtouren auf den Mönch und die Jungfrau. In unserem Fall allerdings Schauplatz für den denkwürdigsten Jass unseres Lebens.

Mein Mann, mein Vater, mein Onkel und ich haben schon so viele schöne gemeinsame Bergtouren unternommen. Auch wir sind oft über zehn Stunden dran, jedoch beim Volkssport Nr. 2: dem Jassen. Wenn wir den Coiffeur jassen (und das machen wir immer), dauert das einen ganzen Tag und die halbe Nacht. Vorzugsweise legen wir die Sessions auf Regentage, also der perfekte Ausgleich zu Wanderungen bei Schönwetter. Gelegentlich bleibt uns neben dem Wandern und Kartenspielen sogar Zeit, um uns über geplante Bergwanderungen auszutauschen, wobei letzteres früher noch einen weitaus höheren Stellenwert einnahm als heute. Kinder bringen eben die eine und andere Veränderung mit sich.

Das Ganze ist schon ein Weilchen her und hat sich im Sommer 2009 zugetragen. Noch immer erinnere ich mich sehr gerne an diese ausserordentliche Bergtour. Schon lange stand die Guggihütte auf unser aller Wunschliste. Fantastisch muss es dort oben sein, umgeben von Fels und Eis, mit Bergsteigerfeeling und grossartiger Aussicht. Durch ihre Ausrichtung nach Westen sind zudem atemberaubende Sonnenuntergänge zu erwarten. Bloss: Uns als normalen Bergwanderern bliebe keine andere Möglichkeit, als der Hütte einen Besuch abzustatten und den gleichen Weg wieder zurückzugehen, denn ab dort ist ein Weiterkommen nur den erfahrenen Alpinisten vorbehalten. Alleine deswegen hoch zu wandern, ist aber nicht für alle Mitglieder des Quartetts gleich motivierend.

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Fast nicht zu glauben: die Hütte ist mit einem Alpinwanderweg erschlossen

Zum Glück hat dann der Onkel die glänzende Idee, den Hüttenbesuch mit einer Jassrunde zu verbinden. In der Hoffnung, für ungehemmtes Spielen (und Fluchen…) die einzigen Hüttenbesucher zu sein, machen wir uns also eines Tages auf und steigen zur Guggihütte hoch.

Leise enttäuscht von der Tatsache, dass wir bereits von einem andern Berggänger empfangen werden, beziehen wir den Schlafraum und stossen mit einem Bierchen auf einen fröhlichen Nachmittag an. Zu unser aller Freude hat der Fremdling aber keine Übernachtungsabsicht und steigt zeitig wieder ins Tal ab. Die Argusaugen auf den Hüttenweg gerichtet dürfen wir zudem feststellen, dass auch keine weiteren Gäste mehr zu erwarten sind. Der Grundstein für ein Jassvergnügen der Superlative ist also gelegt! Erst jetzt realisieren wir, dass für ein Spiel unter freiem Himmel noch nicht alles parat steht. Die Umgebung der Hütte ist so abschüssig, dass bei deren Bau kein Platz für eine Terrasse mit Tischen und Bänken blieb. Einzig auf einem kleinen Känzeli gibt es ein wenig Auslauf. Was nun?

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Ein luftiger Standort ohne Platz für eine geräumige Terrasse. (c) Google Earth

In der muffeligen Hütte bei wenig Licht spielen und so die eindrucksvollen Stimmungen der Bergwelt verpassen? Wohl kaum! Kurzerhand schnappen wir uns sechs Taburetts – vier als Sitzgelegenheit und zwei als Tischunterbau – und verfrachten sie nach draussen aufs Känzeli. Jetzt noch eine Schranktüre der Küche als Tischblatt ausgehängt, eine Wolldecke zum Jassteppich umfunktioniert und schon steht einem abenteuerlichen Spiel vor prächtiger Kulisse nichts mehr im Weg! Der Rest ist schnell erzählt: Wir jassen bis es uns zu frisch wird, danach essen wir kurz das Znacht und spielen drinnen bis in alle Nacht weiter. Am nächsten Tag steigen wir beseelt zur Kleinen Scheidegg ab und empfinden dabei so viel Glück und Befriedigung, wie es wohl auch ein Alpinist nach seiner zehnstündigen Tort(o)ur auf den Mönch tut.

 

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