Was macht der Wanderpapa, wenn die Kinder weg sind?

Anfangs April hatte ich das Glück, dass meine Schwiegereltern und meine Eltern mit unseren drei Kindern für eine Woche in die Ferien fuhren – zum zweiten Mal schon. Auf einmal waren meine Frau und ich erneut kinderlos – was für ein Luxus, solche einsatzfreudigen Eltern zu haben. Wie schon beim ersten Mal füllte sich die Liste der Wünsche und Das-wollen-wir-schon-lange-machen schnell. Wir beschlossen recht schnell, die Zeit zu Hause zu nutzen und nichts Grossartiges zu unternehmen

Die ersten Tage verliefen recht unspektakulär. Am Donnerstag, dem ersten Abend, blieb ich im Büro bis spät: Der Redaktionsschluss unseres Magazins WANDERN.CH war nahe, und wenn ich schon mal ungestört arbeiten kann, ist das ja auch was. Am Wochenende widmeten wir uns dann der Sommerausrüstung. Eine nicht zu unterschätzende Logistik- und Organisationsleistung, die meine Frau zweimal jährlich hinlegt. Mir wurde die unheimlich wichtige Aufgabe zuteil, Schuhe zu putzen. Es war frühlingshaft, ich lud den Berg Schuhe beim Wasserhahn vor dem Haus ab, setzte mich an die Sonne und begann. Sagenhafte 27 1/2 Paare waren es am Schluss, vom Winter- bis zum Wanderschuh, alles mal fünf. Das halbe Paar war übrigens mein Wanderschuh; er ist seit Wochen schon beim Schuhmacher und ich sollte ihn dringend mal abholen.

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Das seht ihr, was ich geleistet hab: 27 1/2 saubere Schuhe.

Am freien Tag auf Familienwanderung

Schliesslich kam der Montag, mein Papatag, den ich für eine Wanderung alleine nutzen wollte. Den ganzen Sonntag über hatte ich mir schon Gedanken gemacht, wohin es gehen soll. Eine Bergtour war im April noch nicht möglich oder nur mit den Schneeschuhen, was mich nicht mehr reizte. Eine schöne Juratour möglichst bis auf den Chasseron soll es sein, beschloss ich und ignorierte den Schnee auf der Webcam des Creux du Van.

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Der Wasserfall bei Môtiers, links der Eingang zur Höhle – eine Kunst, ohne nasse Füsse da reinzugelangen.

Also fuhr ich frohgemut ins Val-de-Travers, stieg in Môtiers aus und zog an den Absinthläden vorbei durchs Dorf und als erstes zum nahegelegenen Wasserfall. Er war eindrücklich, und mit etwas Kletterkünsten und Von-Stein-zu-Stein-Hüpfen gelang ich hinter den mächtigen Rousseau-Stein, wo ich mich einige Meter in die stockdunkle Höhle reinwagte. Zum Glück hatte ich eine Stirnlampe dabei und ich sah den Eingang, der neben der vielen Fledermäuse auch die Höhlenforscher wählen. Für mich war hier Schluss, zu glitschig waren die Steine, zu unerfahren bin ich in solchen Dingen.

 

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Der Weg ging aufwärts und schliesslich über eine Brücke oberhalb des Wasserfalls. Danach kam eine liebliche Waldlichtung mit Bächlein und Grillstelle – die Wanderung ist gemacht, um im Sommer mit den Kindern wiederzukommen, dachte ich. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Pouetta Raisse-Schlucht, zu der ich mich nun gemütlich aufmachte. Auch sie eignet sich gut für Familien, allerdings müssen die Kinder hier schon einiges mehr Kondition und Ausdauer haben. Und sich konzentrieren, denn der Weg führt auf zum Teil nassen Holztreppen die steile, enge Schlucht hinauf.

Da war er der Schnee – fertig Familienwanderung

 

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Oberhalb der Schlucht stand ich plötzlich im Schnee. Mir kam wieder die Webcam in den Sinn, ja, jene des nahe liegenden Creux du Van. Es ist das Glück des alleinwandernden Papas, nicht schon im Vornherein alle möglichen Szenarien durchdenken zu müssen, um dann ja nicht mit drei Kindern in eine unmögliche Situation zu geraten. Ich nahm den bald knietiefen Schnee als Herausforderung körperlicher wie auch motivationstechnischer Art. Zum Glück hatte vor einiger Zeit einer etwas vorgespurt – seine Spur war jedoch schon etwas verblichen, Staub lag darauf. Der Aufstieg nach Les Cernets Dessus zog sich in die Länge, mein Herz pumpte, mein Hals pulsierte, ich war schweissnass. Aber alleine und glücklich und nur für mich selbst verantwortlich. Ich arbeitete mich durch den Schnee, dankbar, dass irgendwann mal ein Wanderwegverantwortlicher als Regel definierte, dass Wege circa 1.60 Zentimeter in der Höhe signalisiert werden müssen und nicht nur am Boden. Die Vögel zwitscherten und erinnerten mich immer wieder daran, dass eigentlich Frühling wäre. Ich fand Wildspuren, einmal gar die Überreste eines Kampfes, bei welchem der Vogel seine Federn lassen musste…

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Der Frühling kommt garantiert.

Und schliesslich stand da ja noch der Chasseron auf meiner Wunschliste, es fehlten noch 200 Höhemeter und immer noch lag da „etwas Schnee“. Um es kurz zu machen: Ich liess es damit bewenden, kehrte um und stieg ab Richtung Fleurier, bald einmal schneelos und damit weniger anstrengend. Schliesslich stand ich am Bahnhof – mit einem ziemlich schmutzigen Paar Schuhe. Es war eines der 27 1/2 Paaren, die ich vor wenigen Tagen erst geputzt hatte.

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Von der Sonne geblendet, aber zufrieden – ein Frühlingsbild vom Abstieg nach Fleurier.