Wandernacht Vol.1: In die Nacht hinein wandern

In der Nacht wandern, das wollten meine Kinder schon länger mal. Der Zufall wollte es und wir waren am letzten Wochenende in Nendaz, wo eine der 60 Wanderungen der Wandernacht stattfand. Wir gingen hin – trotz Fussball-WM.

Wie mutig der spontane Entscheid war, merkte ich bereits bei der Besammlung vor dem Office du Tourisme. Die Kinder wurden auf Französisch begrüsst, was dem elfjährigen Zwergenkönig wenig Freude machte: Seine Französischkenntnisse klassiert er als noch nicht ausreichend ein, um eine Konversation inklusive Hände und Füsse zu wagen. Und die Zauberfee ist mit acht noch zu klein für Fremdsprachenunterricht. Ich verbrachte den Abend also als Simultanübersetzer.

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Anfangs ging es im Schein der untergehenden Sonne entlang der Suonen.

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Nachdem Anita das Brennnesselblatt bearbeitet hatte, brannte es nicht mehr.

Brennnesseln brennen nicht

Entlang der Suonen wanderten wir also in die Nacht hinein. Und während es noch hell war, liessen wir uns von der Wanderleiterin Anita so Vieles über Blumen erklären – meist in Unkenntnis der deutschen Namen. Falls ich also einige Namen verwechseln sollte, seid nachsichtig zu mir. Anita zeigte uns , wie wir den Nektar aus den Blüten der Kleeblumen aussaugen können. Oder wie wir Brennnesseln pflücken, ohne dass sie uns brennen. Wäre es Sonntag gewesen, die Demonstration hätte nicht funktioniert, denn schon mein Grossvater belehrte uns jeweils mit wichtiger Miene, dass Brennnesseln am Sonntag frei hätten und nicht brennen würden. Aber nun war es also Samstag und Anita griff routiniert mit zwei Fingern mit viel Druck zu, als gäbe es kein Risiko. Kühn folgte ich ihrem Beispiel, scheiterte und meine Finger erinnerten mich am Sonntagmorgen noch daran. Anita strich mehrmals vom Stil zur Spitze den Blättern entlang, entfernte so die beissenden Haare, und reichte uns danach die Blätter zum Essen. Warum dies bei ihr funktionierte und bei mir nicht, blieb mir ein Rätsel.

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Der Zauberfee verpasste Anita nachher naturnah lackierte Fingernägel. Anita pflückte eine violette Blume, welche die echte Geranie sei (jene auf den Balkonen seien Pelargonien), riss die Blumenblätter ab, forderte das Mädchen auf, ihre Fingernägel abzulecken und klebte die violetten Blätter darauf. Chic, chic!

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Links das Werk eines Eichhörnchens, rechts, was der Specht hinterlassen hat.

So ging es weiter und wir lernten, wie wir Mückenstiche mit Blätter behandeln können (funktionierte bei mir erneut nicht), wie wir die von Eichhörnchen und Spechten bearbeiteten Tannzapfen unterscheiden und wie wir unsere Leistungsfähigkeit mit dem „Redbull der Alpen“  – den frischen Trieben einer Pflanze – steigern können. So dunkelte es ein, ein mitwandernder Bub lockte unsere Kinder mit dem Versprechen nach Marshmallows über dem Feuer. Und so trafen wir in Sofleu ein.

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In Sofleu packten wir Cervelats, Käse und Marshmallows aus.

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Trotz Wandernacht die WM nicht verpassen – die Kinder dankten es Juan, der sein Handy anwarf.

WM schauen und Popcorn essen

Bald brannte ein Feuer, es wurde richtig gemütlich, und die ersten Marshmallows bekamen eine schwarze Kruste. Anita reichte uns Cervelats und Raclettekäse für die Stecken und Wein sowie Sirup fürs Gemüt. Das tat gut, doch langsam aber sicher wurde der Zwergenkönig ungeduldig, lief doch bereits der zweite WM-Match, ohne dass er den Kickern hätte zuschauen können. Juan, ein Teilnehmer, rettete ihn schliesslich und die Kinder schauten die letzten Minuten von Deutschland – Schweden im Livestream mitten im Wald. Hauptsache, alle waren zufrieden.

 

Schliesslich zeigte uns Anita noch, wie sie auf offener Glut Popcorn macht. Sie legte die Maisstücke in zwei grössere Metallsiebe, die sie zusammenmontiert hatte. Lustig pufften die Körner im Sieb und Anita erhielt anerkennende Blicke. Noch etwas Salz, und wir genossen den dann doch recht stark verbrannt schmeckenden Puffmais – was solls, schliesslich war er handgemacht.

Papa, der Held, Vol. 1

Und dann kam, was kommen musste: Um 22 Uhr meldete die Zauberfee, dass sie kalt habe und jetzt wirklich langsam schlafen gehen möchte. So viel Vernunft freut mich ja sonst, aber ich wusste sofort, dass es einen mühsamen Abstieg geben würde, ein Schultermuskeltraining. Es wurde einer dieser Papa-Einsätze, die zwar anstrengend sind, weil das Mädchen eigentlich zu schwer ist, um es auf den Schultern zu tragen, aber halt eben dieses Papa-Helden-Gefühl aufkommen lassen, das wohl jedem Papa einfach gut tut. Ich schulterte sie also geduldig und genoss es.

 

Es wurde fast Mitternacht, bis die beiden Kinder todmüde im Bett lagen. Es war ein toller Abend, den wir aber am nächsten Tag bitter büssen sollten. Mehr dazu in meinem nächsten Post am Freitag.