Wandernacht Vol.2 – Der Kater schlägt zu am Tag danach

Nicht, dass es überraschend kam. Auch wir Eltern haben nicht gut geschlafen. Der Fehler war nur: Als Wanderpapa wollte ich auch am Tag nach der Wandernacht rausgehen, die Zeit nutzen, die Umgebung von Nendaz entdecken. Unsere Kinder sahen dies etwas anders.

„Ich hätte nie gedacht, dass mich jemand mal zum Wandern zwingen muss!“ Dem elfjährigen Zwergenkönig ging es wirklich schlecht. Den ganzen Morgen bettelte er schon um mein Handy, ums Tablet, wollte gamen, Zusammenfassungen der Fussball-WM schauen, Filmchen schauen. Und sich ja nicht bewegen. Auch nicht wandern, Papas Pläne hin oder her. Auch der Kleinste war müde, verpasste keine Gelegenheit, um die Geschwister zu provozieren, gehorchte kein Haar. Nur die Zauberfee gab sich kooperativ. Ich war ihr sehr dankbar, denn es war schon elf Uhr. Höchste Zeit aufzubrechen, wenn wir noch etwas Gescheites anfangen wollten. Nur eben, es war kein Tag, um etwas Gescheites anzufangen.

 

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Ein Bild, stellvertretend für die Stimmung. Die Bilder vor dem Start sind verständlicherweise zensuriert.

Die Kateralternative

Also schwenkte ich ein: Ein Spaziergang entlang einer Suone sollte doch möglich sein. Hinten in Siviez war ein Alpaufzugsfest, da gäbe es Eringerkühe, die sich spektakulär die Köpfe einschlagen. Älpler in Trachten. Festbetrieb. Sicher ein feines Zvieri, Glace. Alles Zeugs, das sonst locken würde. Umsonst. Und so wurde das Packen zum Kampf: Wo ist der Sonnenhut? Cremst du dich jetzt endlich ein? Zähneputzen, Wanderkleider anziehen – und wo zum Teufel ist jetzt dieser Sonnenhut? Und wenn wir ihn schon nicht haben, warum findest du Papas zweiten Hut nicht toll? An jedem anderen Tag hättest du ihn ums Leben gern aufgesetzt. Nur heute nicht.

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Fliegen wäre wohl schöner, denkt sich der Zwergenkönig. Dann wandern wir los.

Sauberer Fehlentscheid

Irgendwann sind wir dann tatsächlich losgezottelt. Doch schon auf der Höhe der Sesselbahn, die wir nur passieren wollten, verliess die Zauberfee ihre Energie. Und der Kleinste schrie, dass er auf die Gondelbahn wolle. Der Älteste hatte sich seinem Schicksal ergeben und war unterdessen geniessbar, wenn nicht sogar motiviert. Spontan änderten wir also den Plan, stiegen in eine Gondel und fuhren auf den Tracouet. Oben angekommen, deprimierte uns der Anblick dessen, was der Skizirkus im Sommer jeweils hinterlässt, derart, dass wir entschieden, möglichst schnell wegzukommen. Wir wanderten also los, ignorierend, dass drei Stunden reine Wanderzeit auf uns warteten, streiften durch den Balavaux-Wald, jener mit den dicksten Lärchen-Baumstämmen Europas (O-Ton Nendaz Tourismus). Wir freuten uns an den Kolossen von Bäumen. Trafen auf den König von Balavaux, eine 800 bis 1000 Jahre alte Lärche, die mit einem Steg umsäumt ist, damit die Besucher ihr nicht auf den Wurzeln herumtreten, picknickten auf einem mächtigen Steinhaufen, freuten uns auf die Bisse de Saxon, eine lange Suone, der wir auf einem Abschnitt folgen wollten.

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Doch schon bald wurde uns bewusst, dass wir uns übernommen hatten an diesem Katersonntag. Was an einem normalen Sonntag durchaus funktioniert hätte, war einfach zu viel. Im Beizli bei Tracouet liessen wir uns nach einem Drittel der Wanderung nieder. Einer der Söhne wollte Fussball schauen, der andere baden gehen, das Mädchen einfach nur liegen, und die Wandermama träumte von einem Spa. Oje.

Also gab es mal Glace für alle.

Papa, der Held, Vol.2

Ich passte also alle Gäste ab, welche die Alpbeiz verliessen, um sie zu fragen, ob sie nicht nach Nendaz zurückfahren würden. Erfolglos. Und auch die Beizerin hatte keine Lust, sich mit müden Wanderern herumzuschlagen. Wohl oder übel brachen wir wieder auf, verliessen die Alpstrasse und ich motivierte mein Team wie ein Fussballtrainer kurz vor dem Ausscheiden an der WM.

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Wer bringt uns müde Wanderer heim? Der wohl nicht.

Dann kam erneut die Alpstrasse in Sicht, zwei Autos fuhren um die Kurve, und ich ergriff die Chance, winkte, rief und rannte zu den Autos – sie hielten an! Wir hatten Glück und konnten einsteigen. Auf der Fahrt nach Haut-Nendaz erfuhren wir, warum die Familie oben gewesen war: Die Tochter und ihr Freund hatten den Dent de Nendaz erwandert, waren hinuntergestiegen bis Tracouet – und hatten ebenfalls die Kraft verloren, ihren Eltern telefoniert, die sie nun abgeholt haben. Meine Höflichkeit verbot es mir zu fragen, was sie am Vorabend getan hatten. Verkatert sahen sie jedenfalls nicht aus. Wir aber ja auch nicht mehr, sobald wir im Auto sassen.