Stille Orte

«Chli stinke muess es!» Das gilt zweifellos für die olfaktorischen Emissionen der beiden käsigen Schweizer Nationalgerichte. Auf Hütten-WCs kann ich aber getrost darauf verzichten.

Alleine die Hütten des SAC werden jährlich von rund einer Million Besucher frequentiert. Die Ergebnisse deren Versäuberungsvorgänge führen dabei zu Keimbelastungen, ästhetischen und geruchlichen Beeinträchtigungen. Dabei spielen Faktoren wie Hüttengrösse, Höhenlage, Gewässernähe und die sie umgebende sensitive Landschaften eine wesentliche Rolle.

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WC am Fusse des Bietschis: Baltschiederklause

Früher hat man sich meist über Donnerbalken und Fels erleichtert – ein luftiges Vergnügen, aber kein schöner Anblick und für die Nase oftmals höchst problematisch. Dann kamen moderne WC-Anlagen in die Hütten, die das Problem lösen sollten. Indes sorgten auch sie für dicke Luft, denn die hochtechnisierten Anlagen haben den besonderen Anforderungen im Gebirge nicht standgehalten. Die versprochenen Kompostierleistungen wurden nicht erreicht und der Gestank blieb.

Da steckt der Wurm drin

Wie zuvor schon auf der Clariden-, Spannort- oder Konkordiahütte steht seit Anfang 2017 auf der Lämmerenhütte eine bestens funktionierende Trockentoilette. Hüttenwart Christian Wäfler ist nun nicht mehr nur Gastgeber, sondern auch «Landwirt», denn das System funktioniert mit Würmern, welche die Hinterlassenschaften der Menschen verarbeiten und daraus unproblematischen Reststoff produzieren.

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Stuhlgang mit Tiefgang: Dossenhütte

Eine thermische Solaranlage und Radiatoren sorgen dafür, dass der Würmertrupp auch im Winter arbeitet. Die kleinen Helfer reduzieren das Volumen der anfallenden Fäkalien um 90 Prozent. Zurück bleibt Humus, der in die Natur ausgetragen oder bei in Fels und Eis gelegenen Hütten per Helikopter ins Tal geflogen werden kann. Nasstoiletten sind im Gegensatz dazu viel aufwendiger und teurer, weil dann eine Art Mini-Kläranlage gebaut werden muss.

So viel zum technischen Aspekt der alpinen Latrinen.

Ein Rückzugsort voller Poesie

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bei geöffneter Türe dauert die Sitzung sofort länger… Guggihütte

Die Stillen Orte in den Bergen sind aber mehr als bloss ein notwendiges Übel. Erwischt man den einsamen Moment, sind es Rückzugsorte voller Poesie, gespickt mit kreativen Benimmregeln, vom Hüttenteam oftmals liebevoll dekoriert. Wie die kleinen Stein- und Holzhäuschen so dastehen, entrückt, mutig am Abgrund thronend, an den Fels geklebt. Wie geschaffen für ein Gemälde oder sonst mindestens ein originelles Fotosujet abgebend. Mein Lieblingsklosett steht bei der Guggihütte: wenig Besucher oder sonst mindestens wenig Scham vorausgesetzt, liegen einem bei geöffneter Türe das Hintere Lauterbrunnental und die Thunerseeregion bis hin zum Chasseral zu Füssen – ein fantastischer Ausblick! Der Fotograf und Journalist Marco Volken muss auf seinen Bergtouren ähnliches empfunden haben. Wie sonst erklärt es sich, dass er diesen besonderen Berghäusern einen eigenen Bildband gewidmet hat?

Drei Regeln für unterwegs

Zu guter Letzt: was, wenn sich das dringende Bedürfnis unterwegs manifestiert und nicht bis zur nächsten Toilette gewartet werden kann? Diese einfachen Regeln helfen der Natur beim raschen Rückführen in den Zyklus:

  • Halte genug Abstand zu Gewässern und Felsen ein
  • Benütze nur WC-Papier und keine Papiertaschentücher oder sogar Feuchttücher, weil die viel langsamer verrotten
  • Vergrabe die Exkremente und das WC-Papier oder bedecke sie mindestens mit Steinen oder Erde

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Literaturtipp: Stille Orte – eine andere Reise durch die Schweiz, Marco Volken, AS Verlag 2015