Kampf der Höhenangst II

Der Alpinchihuahua und ich haben es getan. Wir sind in Crans-Montana VS eine Wasserleite (a.k.a. Suone, le bisse) heruntergewandert – und haben es überlebt! Wir haben es gar bestens überstanden, schon fast genossen! Aber der Reihe nach:

Regelmässige Blog-Leserinnen und -Leser wissen um meinen mir peinlichen Schwindel und meine ab und zu auftretende Höhenangst. Diese wissen auch um mein Vorhaben, diesen Drachen zu töten, indem ich mich diesen Ängsten stelle. Das ist für mich nicht unbedingt sehr angenehm, aber ich halte es lieber wie Goethe:

„Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward. […] Ich habe es auch wirklich darin soweit gebracht, daß nichts dergleichen mich jemals wieder aus der Fassung setzen konnte.“

(aus Dichtung und Wahrheit)

Nimm dies, böser Feind!

So reisten wir ins Wallis, nach Crans-Montana, um uns eine solche Suone vorzunehmen. Diese Wasserleite soll über 500 Jahre alt sein und der Wanderweg spektakulär gebaut (hier eine Fotoauswahl von 1935, die ihr euch unbedingt ansehen müsst! Was für Held/innen! Im Jahr 2022 bin ich dann so weit und baue auch einen Wanderweg in den Fels neben einer Suone. 🙂 ) . Schon bei der Beschreibung „Déconseillé aux personnes souffrant du vertige…“ bekam ich einen Klumpen im Magen. Aber eben, Goethe.

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Blick von der Staumauer

Die Wanderung begann eigentlich sehr gemütlich beim Stausee Lac de Tseuzier. Zur Einstimmung versuchte ich, über das Geländer auf der anderen Seite in den Abgrund zu schauen. Das ging eigentlich noch ziemlich gut.

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Was für ein Start!

Auf einem schön breit angelegten Bergwanderweg wanderten wir also in Richtung Bisse du Rô. Der Alpinchihuahua erfreute sich sichtlich an der frischen Luft, dem bisher unmarkierten Terrain und darüber, dass wir fast alleine unterwegs waren.

Als wir nach dem schönen Waldweg endlich zu einer Stelle kamen, die ausgesetzt schien, wurde ich ein bisschen nervös. Hier zur Veranschaulichung, wie es aussieht, wenn einen der Schwindel packt.

Wider Erwarten war dies aber bei mir nicht der Fall.

OK, auf zum nächsten Abschnitt. Diesmal kam uns ein Paar entgegen, welches die Wasserleite in Gegenrichtung hochwanderte. Neben den Planken, die vom Fels abstanden, ging es einfach so „das Loch ab“. Die Frau war ganz blass um die Nase und der Schweiss perlte auf ihrer Stirn. Ich dachte bereits: „O-oh“ und machte mich darauf gefasst, dass ich diese Tranche wohl ziemlich langsam durchwandern würde. Aber njet: Das Schild befahl uns, nicht stehen zu bleiben. Ich musste tief durchatmen.

Wiederum und zu meiner Überraschung machte mir auch diese Stelle überhaupt nichts aus. Dem Alpinchihuahua übrigens auch nicht, aber der ist ja auch viel kleiner und vierbeinig unterwegs und kann sich besser balancieren.

So wanderten wir angstfrei den mächtigen Felsen entlang. Der einzige, der einmal Angst hatte, war der Kleine, als er durch die Ritzen in den Brettern nach unten sah. Ich trug ihn dieses Stück. Ich will ja nicht so sein, und ihn auch in meinen Angst-Überwindungs-Plan hineinziehen… Dies war unser einziger Zwischenfall, nebst dem, dass ich oftmals mit meinem grossen Rucksack hängen blieb, als wir uns bücken mussten. Ein Teil ging also auch ich auf allen Vieren!

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So einfach hatte ich mir das aber gar nicht vorgestellt. Ich empfand keine Angst, nur Achtung und Rührung vor dieser schönen Natur und dem Mut der Erbauer dieses Weges.

 

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Der berühmte Baum ist erreicht!

Woran es liegt? Ich weiss es nicht. Aber wir gehen einen Schritt weiter. Was folgt als nächstes? Der Baumwipfelpfad oder eine Hängebrücke vielleicht?

Ihr erfahrt es hier.