Video: Bei den armen Seelen im Aletsch

Rund um den Aletschgletscher kann man heute noch auf arme Seelen treffen. Doch aufgepasst: Wer sie falsch anspricht, muss bitter dafür büssen. Dies erzählt uns ein Bergführer auf einer Familien-Schneeschuhtour – und es schaudert uns, auch am Tag.

Auf der Riederalp macht uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Eine Schneeschuhwanderung bei Vollmond, mit Ausblick auf den Gletscher und einem gemütlichem Besuch in einer Alphütte wäre unser Plan gewesen, auf den sich die Kinder schon sehr gefreut hatten. Nur zeigt sich der Winter ausgerechnet an diesem Tag von seiner wahrhaften Seite: Als wolle er den Klimawandel leugnen, schneit er grosse Flocken und lässt uns den Wind um die Ohren pfeifen. Und so beschliesst die Skischule kurzfristig, die Tour abzusagen.

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Die Aussicht fehlt, dafür lässt die Stimmung nichts zu wünschen übrig.

Die Nachricht erreicht uns per Telefon in der kleinen Gondel auf die Riederalp, und unser Zwergenkönig will augenblicklich nach Hause zurückkehren. Ohne Nachtwanderung mache das ganze Wochenende keinen Sinn, verkündet er resolut und erinnert mich damit an einen Wutbürger, dessen Launenhaftigkeit sich der Elfjährige in letzter Zeit öfters bedient. Ich verstehe kein Wort mehr, was mir die Frau von der Skischuhle am Handy noch sagen will, und verabschiede mich freundlich.

Nächtliches Programm am Tag

Als Alternative beschliessen wir, unseren Plan am Folgetag dennoch umzusetzen, bei Tag halt und mit dem wenig begeisterten Einverständnis des Zwergenkönigs. Mit der Sesselbahn fahren wir auf die Hohflue, schnallen uns die grossen Treter an die Füsse und laufen los. Der Wind bläst noch immer, die Sonne ziert sich erfolgreich, wir können sie nur ein-, zweimal hinter den Wolken kurz ausmachen. Wenigstens schneit es nicht.

 

 

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Martin, unser Führer, lotst uns auf den Panoramawinterwanderweg, wir können knapp den grossen Erdrutsch sehen, der hier von der Moosalp her seit 2016 beobachtet wird. Der Aletschgletscher verschmilzt im Weiss des Nebels. Den Kindern ist das aber einerlei. Sie tummeln herum, lassen sich in den Tiefschnee plumpsen, aus dem sie sich kaum wieder retten können, oder hüpfen den Hang hinunter.

Wir verlassen nun den Winterwanderweg, stapfen durch hüfttiefen Schnee bergabwärts. Die Zauberfee – als Kleinste unter uns – schlittert mehr über die Spur als dass sie läuft, hat aber durchaus ihren Spass. Sie lässt denn auch den Bruder hinter dem Bergführer laufen und den beiden damit das kräfteraubende Stapfen der Spur.

Und jetzt: die Sage

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In der einsamen Hütte will uns Martin eine Sage erzählen. Wir sind gespannt.

So erreichen wir eine einsame, alte Hütte, die tiefverschneit daliegt. Martins Hütte. Er öffnet die Tür, bittet uns herein in die urchig eingerichtete Stube und setzt sogleich Wasser auf, tischt Wurst, Käse und Walliser Brot auf. Wir greifen dankbar zu, vermissen aber erst etwas die Nachtstimmung draussen: Die Kerzen auf dem Tisch und die Petroleumlampe an der Decke brennen, wollen aber wenig wohlige Wärme verströmen. Dann beginnt Martin, eine Walliser Sage zum Besten zu geben, spielt auf seiner Mundharmonika und erzählt von einem Bergführer namens Clemens, der auf dem Aletschgletscher armen Seelen begegnet, die dort seit Hunderten von Jahren flennen. Im Nu sind wir gefangen in seiner Fabelwelt, die Kinder hören ihm gebannt zu, auch wenn sie manch Walliser Dialektwort nicht verstehen. Ist aber auch nicht nötig, denn die Stimmung ist nun wichtiger als die Geschichte selber.

Doch schaut selbst, wie Martin seine Sage erzählt: