Vom End der Welt im Herzen der Schweiz

Wie entscheidet man sich für eine Wanderung? In der Schweiz mit vielen tausend Kilometer Wanderwegen zur Auswahl ist das gar nicht so einfach. Manchmal hat man ja ein bestimmtes Ziel im Kopf. Man will auf diesen Berg oder über jenen Pass. Aber was, wenn man einfach ein bisschen durch die Natur bummeln und die Seele baumeln lassen will? Für die hier beschriebene Wanderung war das Kriterium deshalb auch etwas willkürlich: der Name. Spulen wir etwas zurück… Es war Samstagnachmittag und ich wollte am Sonntag raus an die Sonne. Aber wohin bloss. Seit ich zurück bin von meinen Reisejahren habe ich mir vorgenommen, die Schweiz zu entdecken. Es gibt ja so viele schöne Orte ganz in der Nähe und oft brauchen wir gar nicht weit weg zu fahren, um Neues zu entdecken. Ich sass also am Computer und schaute mir auf der Karte verschiedene Wanderungen an, da stach mir ein Name ins Auge: Das End der Welt. Ich wusste sofort, dass ich die perfekte Wanderung für dieses Wochenende gefunden hatte.

Also Schuhe an und los. Mit dem Zug geht es über Luzern nach Engelberg. Denn siehe da, das End der Welt ist gar nicht so weit weg. Auf der Sonnenseite Engelbergs hat es ein kleines Tal. Eingeklemmt zwischen Hahnen und Brunni endet es in einem tiefen, steilen Kessel. Für die Einheimischen ist es das Horbis (wahrscheinlich der ältere Name), aber auf der Karte steht «End der Welt» und das reicht, um meine Gedanken schweifen zu lassen. Ich mag Ortsnamen, sie laden so schön zum Träumen ein. Wenn man einen Ort noch nie bereist hat und nur den Namen kennt, kann man sich tausend Geschichten ausdenken. So ging es mir immer beim Reisen und so geht es mir auch noch heute.

Heute soll kein Marathon sein. Nein, meine Wanderkumpanen und ich wollen eine gemütliche Genusswanderung, etwas entspannen, Sonne tanken und erholen. Das Picknick ist im Rucksack dabei und wir haben genügend Zeit, um die Aussicht zu bestaunen. Erst geht es quer durch Engelberg, am Kloster vorbei. Unter der Brunni-Bahn durch und am Gmeinegg angekommen, biegen wir in den Wald. Schon jetzt bietet sich uns eine Aussicht über das Tal mit der Engelberger Aa, die unter dem Chli Spannort abbiegt und verschwindet.  

Engelberg auf dem Weg zum End der Welt.

Auf dem Weg frage ich mich, woher der Name wohl kommt. Ein Ende auf einer Kugel hat es ja keins und Engelberg kann ich mir auch im Mittelalter kaum als «Ende» vorstellen. Das Kloster war ja schon vor 900 Jahren ein wichtiger Handelsposten und die Säumer überquerten via Engelberg die Alpen, um feinen Sbrinz nach Italien zu bringen. Vielleicht ist das ja der Grund für den Namen? Vom Tal nach rechts über den Jochpass und in die grosse Welt und nach links ins Horbis und ans End der Welt? Ganz ausgereift scheint mir diese Erklärung aber noch nicht.

Sicht vom Dürrenwald ins Engelbergtal.

Macht nichts, wir laufen weiter. Es hat noch etwas Schnee auf 1500 Metern, aber überall schauen die ersten Blumen aus dem Gras und die Temperaturen sind schon sehr frühlingshaft. Über Ried und Ristis geht es weiter bis an die Grenze zum Dürrenwald. Hier öffnet sich uns eine schöne Aussicht auf das Dorf Engelberg und den Titlis hoch darüber. Wir geniessen ein bisschen die Sonne und picknicken.

Auf einsamen Pfaden schweifen die Gedanken.

Dass es ein End der Welt im Herzen der Schweiz gibt, lässt mich schmunzeln. Denn ich habe die letzten achte Jahre am «andern» End der Welt verbracht: Zu Fuss, mit dem Auto und lange auf einem Segelboot bin ich durch die Welt gebummelt und habe neue Leute und Kulturen kennengelernt. Von Zentralamerika durch den Südpazifik, nach Australien und Südostasien hat es mich immer weiter gezogen. Ob ich die Schweiz vermisst habe? Lange Zeit nein. Es gab so viel Unbekanntes zu sehen, schmecken und kennenzulernen. Neue Leute und Erfahrungen und überall eine gehörige Dosis Natur. Am liebsten so wild und unberührt wie möglich. Sei es beim Trekken in der Wüste Thar in Indien, beim Tauchen in Neukaledonien oder bei einem Segeltörn um Borneo. Seit dem letzten Sommer bin ich nun wieder in der Schweiz und seit November 2019 darf ich die Schweizer Wanderwege im Abo- und Gönnerwesen unterstützen. Einen passenderen Ort nach meinen Wanderjahren hätte ich mir nicht vorstellen können. Jetzt wandere ich auf Schweizer Wegen weiter und bin so neugierig wie eh und je, die Schweiz und all ihre Regionen besser kennenzulernen. Denn etwas das ich weit weg gelernt habe, ist dass es ganz nah, ganz schön ist.

Unsere Wanderung ist schon fast zu Ende, durch den Dürrenwald gehen wir runter bis ins Horbis. Es ist ruhig und niemand kommt uns entgegen. Je näher wir dem Talboden kommen, umso mehr versteht man den Namen. Die Felswände ragen steil in die Höhe. Woher der Name kommt, habe ich nicht herausgefunden. Aber Inspiration für Gedanken hat er trotzdem gegeben.