Alternativprogramm: Zeitreise durch die Schweiz

Das Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung. Die vorgesehene Wanderung muss abgesagt und eine alternative gefunden werden. Zum Glück gibt es den Ballenberg und somit die Möglichkeit gleich durch die halbe Schweiz zu wandern. So beginnt eine Reise durch die Zeit und am Ende wartet sogar ein wahrer Schatz auf uns…

Die ganze Woche habe ich auf den Wetterbericht geschaut und mir nichts mehr gewünscht, als dass sie falsch liegen. Schon eine Woche zuvor hatten Sie für Sonntag und Montag Regenguss um Regenguss gemeldet. Ich wollte aber ins Wallis und wandern! Im Verlauf der Woche wurde nur ins immer klarer: Der Wetterdienst ist besser, als der Volksmund es ihm nachsagt.

Nun weiss ich natürlich, dass man auch im Regen gehen kann. Theoretisch. Das heisst, es wurde bereits gemacht, wenn man keine andere Wahl hat (z.B. vom Wetter überrascht wird). Aber es käme mir nicht wirklich in den Sinn, im Regen wandern zu gehen. Also, wenn ich im Voraus weiss, dass es nass sein wird. Dies übrigens nicht aus Sicherheitsbedenken (obwohl diese auch angebracht wären). Nein, meine Bedenken entspringen purem und simplem Komfort. Wenn es in Strömen schüttet, werte ich das als Wink von Mutter Natur, zu Hause zu bleiben und ein Buch zu lesen.

Ein Alternativprogramm war also angesagt. Und da der Wetterbericht zumindest zeitweise trocken voraussagte, konnte dieses Programm zumindest ab und zu draussen stattfinden. Wenn es schon nicht ins Wallis geht, dann halt im halb Trockenen von Haus zu Haus durch die ganze Schweiz. Wie das?? Zu Fuss natürlich, im Freilichtmuseum Ballenberg. Es ist der ideale Spaziergang für einen regendurchzogenen Tag: Sobald die Tröpfchen anfangen zu fallen, versteckt man sich im nächsten Haus.

Blick vom Ballenberg. Bild © Ballenberg

Der Ballenberg ist das Museum Schweizer Lebensgeschichte und speziell heute, in unserer schnelllebigen Zeit, eine Reise wert. Was 1978 mit 16 historischen Schweizer Gebäuden begann, ist heute zu einer umfangreichen Ausstellung gewachsen. Auf 66 Hektaren wurden über 100 historische Bauten der Schweiz von Ihrem ursprünglichen Bauort nach Ballenberg umgesiedelt und nach Regionen unterteilt. Originalgetreu, aussen wie innen, laden die Gebäude zur Zeitreise durch die Schweiz ein.

Eine gemütliche Stube lädt ein zum verweilen. Bild © Ballenberg

Für mich als Weltenbummler der Jahrelang durch ferne Länder gestampft ist, aber die Schweiz noch schlecht kennt, war der Ballenberg ein ganz spezielles Vergnügen. Konnte ich doch im Schnelltackt die halbe Schweiz bereisen und seine Architektonische Vielfalt kennenlernen. Für mich war es beeindruckend zu sehen wie unterschiedlich an verschiedenen Orten in der Schweiz gebaut und gelebt wurde. Mir wurde bei unserem Besuch auch bewusst, wie sehr die Identität eines Ortes mit seinen Bauten zusammenhängt. Denn obwohl man sich die ganze Zeit theoretisch im Berner Oberland befindet, so fühlt man sich doch manchmal ganz im Tessin oder wiederum völlig im Mittelland.

Die Gänse sind auch an uns vorbei gelaufen. Wir waren ja schliesslich bei ihnen zu Besuch.
Bild © Ballenberg


Wirklich zum Leben erwacht der Ballenberg aber nur dank seiner Bewohner: Über 250 einheimische Nutztierarten leben und weiden auf den typisch bepflanzten Gärten, Äckern und Wiesen. Kühe, Zwergziegen, Hasen, Gänse wackeln, laufen und hoppeln an uns vorbei – oder wir an ihnen. Die Gärten sind jetzt schon in voller Blüte und Kürbisse schauen unter den Blättern hervor. Auch die Werkstätten des Freilichtmuseums laden zum Schwelgen in vergangenen Zeiten ein. In einem Haus wird getöpfert: ein formloses Stück Ton wird zu einer Tasse. Im nächsten werden Seile gedreht, Mehl gemahlen, Körbe geflochten. Oder man kann zuschauen, wie der Käser die Milch für das Mutschli schöpft (das Mutschli gab es dann im Shop, von wo aus es direkt in unseren Bauch gewandert ist!). Weben, Flechten, Sägen, Schnitzen! Beim Rundgang von einer Region in die nächste stösst man immer wieder auf Handwerker, denen man über die Schulter schauen kann.

Das Mutschli war wirklich sehr fein und war schnell aufgegessen. Ich kann es jedem Empfehlen. Bild © Ballenberg

Nicht nur Traditionelles findet man im Ballenberg. Mit dem Wohnhaus aus Matten brachten die Architekten und Denkmalschützer mit vereinten Kräften die Moderne in ein 1570 erbautes Berner Oberländer Wohnhaus. Tritt man durch die Türe, findet man sich in einem hellen, modernen Haus mit einfachen, sauberen Linien, Designer Möbeln und eine grosszügigen Küche zum Kochen und aufhalten. Kurz, ein Haus das an Komfort nichts zu wünschen übrig lässt. Dies war auch das Ziel des Projektes: ein altes Objekt modern auffrischen und aufwerten, ohne die Substanz zu zerstören. Ich finde das Haus sehr einladend und inspiriert. Es gehört für mich zu den Highlights des Tages.

Töpfern erscheint geradezu magisch. Aus Nichts wird eine Tasse. Bild © Ballenberg

Die Wolkendecke hat sich aufgetan und endlich scheint die Sonne. Langsam sind wir auch nicht mehr so völlig allein. Da wir von den vielen Eindrücken fast überflutet und nicht mehr ganz so aufnahmefähig sind, spazieren wir Richtung Ausgang  und lassen die Bauten nochmals von aussen auf uns wirken. Aussen angekommen entscheiden wir uns noch etwas weiter nach Brienzwiler zu laufen und ein bisschen den nahegelegenen Wald zu erkunden. Da machen wir auch den schönsten Fund des Tages, eine ganze Portion gelbes Waldgold: Eierschwämme! Hmmm, fein. Eine Stofftasche ist auch dabei und schnell verschwindet der Schatz darin. Jetzt ist auch schon das Abendessen klar. Wo genau wir diesen kleinen Schatz gefunden haben, bleibt geheim. Er rundet aber unseren historischen Spaziergang wunderbar ab. Wir können glücklich und entspannt, mit neuen Eindrücken – und Eierschwämmli! – nach Hause. Eine produktiv-entspannte Reise durch die Schweiz und die Zeit.

Bis zum nächsten Mal. Bild © Ballenberg