Philosophisches im Wald der anderen

Vor einigen Tagen hab ich wieder mal ein Naherholungsgebiet der anderen besucht. Mir gefällt das: Eine Gegend wandernd kennenzulernen, wo andere es zwar schön finden, es aber als normal und immer als das Gleiche empfinden. Gemacht hab ich diese Kurzwanderung am Lauerzersee im Kanton Schwyz, bei strömendem Regen. Der Weg ist nicht lang, unter einer Stunde, und trotzdem bin ich fast zwei Stunden unterwegs, von Lauerzersee dem Chlausenbach entlang durch den Häxewald zum Goldseeli und schliesslich nach Goldau. Auf dieser Ebene liegen überall riesige Felsbrocken aus Nagelfluh herum, die 1806 vom Rossberg ins Tal gestürzt sind — sie prägen die Landschaft, obwohl längst Gras, Moos und Farn über diese Zeugen des Bergsturzes gewachsen sind. Sie liegen in den Feuchtwiesen des Flachmoors Sägel, einige sind so riesig, dass auf ihnen teils schon kleine Wälder entstanden sind, andere sind mit Gras überdeckt. Blätterlose Astkronen ragen auf ihnen in die Höhe, tief liegende Regenwolken schlucken die obersten Zweige. Der Weg ist zeitweise überlaufen vom Bach, und wenn nicht, dann oft morastig. Der Bergsturz hinterliess im Naturschutzgebiet auch zahlreiche abflusslose Senken, wo sich malerische Weiher gebildet haben. Auf Schildern lese ich, wer sich hier in ein paar Monaten rumtreiben wird, wenn der Frühling da ist: Heuschrecken und Schmetterlinge schätzen den Blumenreichtum. Unken, Frösche, Ringelnattern, Libellen, Kammmolche mit gezackten Rückenkämmen und hellorangen Bäuchen, Faden- und Bergmolche fühlen sich hier wohl. Vögel aller Arten, auch Zugvögel rasten da. Und im Wasser tummeln sich Forellen, Bachneunaugen, Groppen und Krebse.

Wenig los

Heute aber ist niemand von ihnen zu sehen. Der Regen lässt das Braun und Grün der Natur intensiv leuchten. Meine Familie konnte ich nicht motivieren, mitzukommen, doch von Frühling bis Herbst würde sie liebend gerne hierherkommen, da bin ich überzeugt. Feuerstellen und Holzstege lassen bei Schönwetter regen Betrieb vermuten. Doch auch im Regen stehe ich nicht alleine: Ich treffe auf mehrere unverdrossene Spaziergänger und einige wenige dem Wetter trotzende brätelnde Familien.

Auf die Katastrophe folgt das Schöne

Im Häxewald wird es märchenhaft. Zwar schauen die Verantwortlichen der Stiftung Lauerzersee regelmässig, dass der Wald ausgelichtet wird. Grosse Fichtenscheiterbeigen zeugen davon, doch der Wald ist immer noch genug wild und dunkel, damit ich mich auf dem kleinen, aber feinen Wegnetz etwas verlaufen kann. Jede Ecke ähnelt der anderen, grosse Felsbrocken mit Moos und Efeu, Tümpel und Seelein und sumpfige Stellen wechseln sich ab. Nur das Rauschen der fernen Autobahn erinnert mich immer wieder daran, wie nahe an der Zivilisation diese Wildnis entstanden ist. Genau genommen, überlege ich, war die Wildnis vor der Zivilisation hier. Sie konnte sich wegen der Rauheit ihres Geländes die letzten 200 Jahre uns Menschen gegenüber behaupten.

Manchmal braucht es eine Katastrophe, um Neues entstehen zu lassen, wie sich hier schön zeigt. Genau wie beim Wandern mit Kindern, auch mir der spontane Vergleich von der Bedeutung her etwas kühn ist. Wenn sie streiken, sich sperren, nicht weiterwandern wollen, fühlt sich dies manchmal an wie eine kleine Katastrophe: Die Wanderung scheint verdorben. Dann braucht es viel Zeit und Geduld, manchmal das Wegsehen von uns Eltern — die Natur macht es uns vor —, bis die Freude der Kinder wie ein zartes Pflänzchen wieder zu wachsen beginnt. Und sich schliesslich ein prächtiger Wald entfaltet.

Mehr zum Naturschutzgebiet Moorlandschaft Lauerzersee-Sägel-Schutt findet ihr hier.

Falsbrocken sind sogar im Wasser des Goldseelis zu sehen.