Zauggsche Fünf: eine Perle in den Schweizer Alpen

Meine diesjährige Hüttentour war von A bis Z einfach «obenuse». Einen Touggen im Reinheft gab es nur wegen der grossen Mutterkuhherde, die mir ordentlich Respekt eingeflösst und als Folge eine Routenänderung aufgezwungen hat. Aber der Reihe nach.

Eine Grundregel von mir besagt: Die Dauer der Anreise muss kürzer als die Wanderung sein. Diese Regel wird für einmal durch beide bestimmenden Faktoren gleichermassen aufs äusserste strapaziert. Am Endbahnhof angekommen, fährt mir das vorbestellte Alpentaxi vor der Nase weg. Start gelungen, momol. Die Konkurrenz hat gottlob Erbarmen und chauffiert mich an die gewünschte Kleinst-Destination. Die ersten Tausend Höhemeter sind dank Gondelbahn mühelos zu schaffen. Einmal mehr bin ich tief beeindruckt von der schroffen, kargen Schönheit dieser Ecke der Schweiz, welche ich auf früheren Hüttentouren schon kennen und lieben gelernt habe. Ein Pluspunkt heute: auf meiner Liste lässt sich nicht eine, nicht zwei, nein, lassen sich sogar drei Hütten auf einmal abhaken! Ich weiss nicht, ob meine gute Laune so ansteckend ist, jedenfalls lasse ich ordentlich Zeit mit Plaudereien am Wegesrand liegen, weil mir ein paar Einzelwanderer ihre halbe Lebensgeschichte erzählen, die Geografie erklären oder mich von den Vorzügen des günstigen Lebens im kleinen Bergkanton überzeugen wollen. Kes Problem, die Marschzeit beschränkt sich ja auf kurze vier Stunden. In der Hälfte ist Hütte 1 erreicht. Stolz steht sie auf dem Hochplateau, konkurrenziert durch die mächtige Staumauer eines Stromproduzenten. Hier habe ich das Tagesziel schon vor Augen und starre ungläubig die Felswand an, durch die sich der Bergwanderweg gemäss Karte winden muss. Einen gefühlten Wimpernschlag später bin ich angekommen, werde von der Hüttenwartin höflich, aber bestimmt begrüsst, richte meinen Schlafplatz im einzigen Zimmer ein und verabschiede mich für eine kurze Gipfeltour.

Himmel auf Erden!

Wieder zurück werde ich mir so richtig bewusst, dass ich mich in einer absolut paradiesischen Hütte befinde, wie es sie eigentlich kaum noch gibt: Winzig klein, und zwar so klein, dass die Hüttenwartin durch ein Chuchichäschtli in ihre fensterlose Koje kriechen muss, spartanische sanitären Anlagen, ein Holzofen im Aufenthaltsraum. Wie ein Adlerhorst klebt sie abenteuerlich am Fels, über dem Abgrund, der in einem tiefblauen Stausee endet. Beim Znacht ist die Anzahl Gäste schnell erfasst: mit 9 Anwesenden ist die Hütte bereits zu zwei Dritteln belegt! Der gemütliche Abend erlebt seinen Höhepunkt beim kitschigen Sonnenuntergang, und wie auf Bestellung gesellt sich noch ein Rudel stattlicher Steinböcke dazu. Am nächsten Morgen stehe ich zeitig auf und steige zum Sonnenaufgang noch einmal zum Gipfel hoch. Der steile Aufstieg wird durch eine grandiose Aussicht bis ins Ausland belohnt. Was jetzt noch folgt, ist das Dessert: vier gemütliche Wanderstunden über einen Pass und via Hütte Nr. 3 ins Tal im Nachbarkanton. Nur eben leider im zweiten Teil nicht auf der besonders attraktiven Originalroute, sondern notgedrungen abseits der Mutterkuhherde über eine nicht zu empfehlende Variante. Aber schliesslich will ich mir diese magische Zweitagestour nicht durch einen vermeidbaren Zwischenfall überschatten lassen.

Diese Hütte, dieses Kleinod, diese wahre Perle in den Schweizer Alpen: Ich hoffe, sie bleibt noch lange in ihrer schönsten ursprünglichen Form bestehen. Und weil (Wander-)Touristen zerstören, in dem sie finden, wonach sie suchen, gebe ich ihren Namen auch nicht einfach so preis. Wer jetzt gluschtig geworden ist, aber das Paradiesli selber nicht verorten kann, erfährt die Koordinaten gerne auf Anfrage…

Zauggsche Fünf:

  • Zustieg: eindrückliche Kleinstluftseilbahn, danach befindet man sich sofort in steilem Gelände. Bergwanderweg durch Gras- und Felslandschaft ohne besondere Schwierigkeiten. Schlüsselstelle: Treppe zur Hütte…
  • Augen: Steinböcke à gogo, kitschiger Sonnenuntergang, imposante Bergwelt, tiefblauer Stausee
  • Uebernachten: 1 kleiner Schlafsaal mit Kajütenbetten und Wolldecken
  • Gaumenfreuden: Tomatencremesuppe, die besten Älpler Magronen meines Lebens, Apfelmus aus heimischer Produktion, hausgemachter Luzerner Lebkuchen mit Quark-Joghurt-Crème, hausgemachtes Brot, hausgemachte Konfi, hausgemachte Kuchen
  • Gemüt: Plumpsklo mit grandioser Aussicht, die nur dadurch zu geniessen ist, weil das WC als besetzt gilt, wenn die Türe offen steht; Hamam 1.0, eine vierbeinige Mausefalle